Apo berichtet live aus der Landhaus-Suite

 

Argentinischer Radio-Sender hat sein WM-Hauptquartier in einem Unterfarrnbacher Hotel aufgeschlagen von Kurt Heidingsfelder

Ein argentinisches Radioteam logiert seit Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft im „Ambient Hotel Am Europakanal“ in Unterfarrnbach. Es hat eine Suite in ein Rundfunkstudio umfunktioniert.

Fürth – ein Telefon klingelt. Es fragt sich nur, welches? Alejandro Alfredo Rutschi umkreist suchend den rustikalen Tisch in der Mitte des Raums, von dem kaum etwas zu sehen ist, weil er unter anderem ein Mischpult, ein Laptop sowie mehrere Mikrofone und Kopfhörer tragen muss. Der Radiomann, den die Menschen im fernen Argentinien nur unter dem Künstlernamen „Apo“ kennen, nimmt erst einen Hörer ab, dann den nächsten, zuckt ratlos mit den Schultern, bückt sich, räumt eine leere Schachtel zur Seite, in der einmal eine der vielen nagelneuen Telefone verpackt war, verheddert sich fast an einem Kabel im Raum und dann, auf einem Schrank, wird er endlich fündig. Es ist sein Chef aus Buenos Aires: Er will, dass Apo etwas später einen kurzen Bericht durchgibt. Gestern Nachmittag ist es vergleichsweise ruhig in der „Landhaus-Suite“ des Ambient Hotels. Nur Apo hält die Stellung. Seine neun Kollegen von Radio Continental, einem der größeren Sender in Argentinien, sind gerade in Herzogenaurach, wo sich die Nationalmannschaft „Albiceleste“, die Weiß-Himmelblaue, auf das Viertelfinalspiel gegen Deutschland (Freitag, 17Uhr) vorbereitet. Jede denkbare Information zum Zustand vom Riquelme & Co. wird in Argentinien von der Bevölkerung aufgesogen wie Nektar. Und bei der Verbreitung dieser Informationen kommt dem Radio laut Apo eine viel größere Bedeutung zu als hier zu Lande. „Viele Menschen bei uns haben ja gar keinen Fernseher.“ Apo ist 51 und ein alter Hase im Umfeld der argentinischen Nationalmannschaft. Der groß gewachsene Mann mit dem Rauschebart, über dem zwei dunkle Augen eine kindliche Begeisterungsfähigkeit ausstrahlen, war vor dieser schon bei sieben anderen Fußball-Weltmeisterschaften im Einsatz.

Dass ihm in Deutschland neben der “fast perfekten Organisation“, der Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel, die ihm ein wenig unheimlich ist, auch „die Freundlichkeit der Menschen“ aufgefallen ist, liegt wohl auch an Bernd Bauer (43) und Brigitte wich (41). Der Hotelier und seine Lebensgefährtin regeln für die Journalistengruppe, die neben der Suite für 150 Euro pro Nacht noch andere Zimmer belegt hat, weit mehr als Frühstück und Bettenmachen. Wich ist mit ihren Spanischkenntnissen so etwas wie die einzige Verbindung der Argentinier zur deutschen Außenwelt. Als ihre Kunden die ganzen Telefone kauften, war sie Taxifahrerin und Dolmetscherin in Personalunion: Und Bauer hat extra zwei Standleitungen gen Buenos Aires einrichten lassen, damit das Radioteam jederzeit arbeiten kann. Wie sich das anhört, wenn Apo und seine Kollegen ein Fußballspiel übertragen, wissen inzwischen auch die Anwohner des Hotels. „Goooooool!“, der legendäre Torschrei ist für südamerikanische Reporter unverzichtbar. Auf Nachtruhe und geöffnete Fenster kann dabei keine Rücksicht genommen werden. Hotelchef Bauer ist froh, dass sich bislang nur einer seiner Nachbarn beschwert hat. Als davon die Rede ist, rollt Apo verständnislos mit den Augen. Wahre Emotionen, meint er, könne man nur mal nicht nach Hause flüstern.

ZeitungsausschnittGewissermaßen zur Abschreckung versucht er, seine Kollegen aus „Deutschland und der Schweiz“ nachzuahmen. Das Ergebnis ist ein monotones Brabbeln. Wenn Radio Continental tatsächlich auf Sendung ist, muss man sich das wohl so vorstellen : Drei Männer mit Mikros an den Lippen sitzen auf einer Ledercouch, schauen fern und reden mehr oder weniger gleichzeitig. Einer zuständig für das „Goooool!“, ein anderer ist der Kommentator und soll das eben Gesehene eine Spur sachlicher bewerten, der Dritte im Bunde ist für die Werbung zuständig und streut ein, wer das muntere Geplauder gerade bezahlt. Die in Deutschland verbreitete, oft nur 40 Sekunden lange „Schalte“ zwischen Sendezentrale und Außenstudio gibt es nicht. Radio Continental überträgt alle WM-Spiele live und in voller Länge. Aus Unterfarrnbach . Nur wenn die Argentinier selbst gefordert sind, so wie am Freitag in Berlin, sitzen die Journalisten tatsächlich vor Ort im Stadion.

Mantel als Glücksbringer – Beim ersten Spiel gegen die Elfenbeinküste hatte Apo in Hamburg noch seinen Wintermantel dabei. Deutschland, hatte man ihn vor der Abreise wissen lassen, sei selbst im Sommer sehr kalt. Argentinien gewann die nervenaufreibende Partie mit 2:1. Seitdem gilt der Mantel als Glücksbringer. Keine Frage, dass ihn Apo – Hitze hin oder her – am Freitag mit nach Berlin nehmen muss. Andernfalls würden ihn seine Kollegen schelten. Ausgerechnet Apo selbst glaubt indes nicht daran, dass die Elf von José Pekerman die von Bundestrainer Jürgen Klinsmann aus dem Wettbewerb wirft und ins Halbfinale vorstößt. „Unsere Chancen stehen bei 35 Prozent“, sagt Apo ohne zu verraten, wie er das errechnet hat. Dafür blickt er ausnahmsweise ein wenig ernst drein. Auf die Frage, ob er diese Meinung auch auf Sendung, also in der argentinischen Öffentlichkeit, vertrete, antwortet Apo mit einem entrüsteten „selbstverständlich“. Er muss ein sehr mutiger Journalist sein.

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Mit freundlicher Genehmigung
von FrankenTV